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Virtual Mobility fördern und Internationalisierung stärken durch transnationale, kooperative Blended-Learning-Seminare

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1 Leave a comment on Absatz 1 0 Digitale Medien werden erstaunlich wenig genutzt, um die Internationalisierung von Hochschullehre voranzubringen. Ein niedrigschwelliges Angebot zur Förderung der virtuellen Mobilität von Studierenden können transnationale Blended-Learning-Seminare darstellen, in denen Studierende an Hochschulen in verschiedenen Ländern kooperativ an Fachinhalten arbeiten. Solche Veranstaltungen werden bislang weder flächendeckend angeboten, noch gibt es wirklich befriedigende Forschungs-ergebnisse zu den existierenden Realisierungen, ihren Potenzialen und Schwierig-keiten. Diesem Desiderat begegnet eine Grounded-Theory-Studie zum Lernen in transnationalen Blended-Learning-Seminaren in der Ausbildung von Deutsch-als-Fremdsprache-Lehrenden (DaF-Lehrenden), die Besonderheiten der computer-gestützten transnationalen kooperativen Zusammenarbeit beleuchtet.

1     Internationalisierung, digitale Medien und virtuelle Mobilität

2 Leave a comment on Absatz 2 0 Digitale Medien spielen bei den Internationalisierungsstrategien von Hochschulen bislang eine erstaunlich geringe Rolle:

3 Leave a comment on Absatz 3 0 „Internationalisierung und Digitalisierung werden an Hochschulen derzeit kaum zusammen gedacht. Dabei setzen gerade moderne Technologien und das Internet die Orts- und Zeitgebundenheit der Lehre außer Kraft. […] Lehrende und Hoch-schulen können durch den Einsatz digitaler Lehr- und Lernformate noch intensiver und flexibler mit anderen Lehrenden und Hochschulen international kooperieren und sich weltweit noch stärker vernetzen“ (Zawacki-Richert & Bedenlier 2015: 5).

4 Leave a comment on Absatz 4 0 Internationalisierung kann nicht nur durch eine Steigerung der physischen Mobilität von Studierenden und Lehrenden erreicht werden – sie kann sich auch in einer vermehrten virtuellen Mobilität von Hochschulangehörigen ausdrücken. Virtuelle Mobilität lässt sich verstehen als

5 Leave a comment on Absatz 5 0 „set of ICT supported activities that realise or facilitate international, collaborative experiences in a context of teaching and/or learning“ (http://move-it.europace.org/page8/page8.html) .

6 Leave a comment on Absatz 6 0 Virtuelle Mobilität kann genutzt werden, um „Internationalisierung der Lehre und neue Formen grenzüberschreitenden Lernens“ (Seifer 2006: 249) zu ermöglichen so-wie Lehrenden und Studierenden erste Erfahrungen in der Arbeit in internationalen, kooperativen Projekten zu erlauben. Man könnte deshalb vermuten, dass eine Erhöhung der virtuellen Mobilität im internationalen Raum im Interesse von Hoch-schulen läge und deshalb in diesem Bereich vermehrte Anstrengungen unternommen würden. Die von Zawacki-Richert & Bedenlier 2015 durchgeführte Studie zur Erfassung der Rollen, die digitalen Medien in den Internationalisierungsstrategien der Hochschulen in Deutschland zugeschrieben werden, zeigt aber ein ernüchterndes Ergebnis: In Strategiepapieren jedweder Art tauchten digitale Medien kaum auf, und auch die Befragung von Verantwortlichen über Fragebögen (Rücklauf gerade mal 12%) ergab, dass die Potenziale der digitalen Medien in äußerst geringem Maße genutzt werden. Die Autoren bescheinigen Deutschland deshalb „noch ein erhebliches Entwicklungspotential in Hinblick auf die Nutzung digitaler Medien zum Ausbau der Internationalisierung und zur Erschließung internationaler Zielgruppen“ (ebd.: 23).

7 Leave a comment on Absatz 7 0 Mögliche Gründe für die geringe Anzahl von Projekten, in denen die digitalen Medien dazu genutzt werden, transnationale Bildungsangebote durchzuführen, liefert schon Seifer 2006: Sie nennt neben Studiengebühren, sprachlichen Hürden und unterschiedlichen kulturellen Zugängen vor allem auch das Problem des Regelungsbedarfs bezüglich der Akkreditierung und Standardisierung sowie des Credit-Transfers (vgl. ebd.: 245f.). Während sich Seifer in ihrem Artikel auf Angebote virtueller Hochschulen bezieht, betrachtet Pietraß (2014) die Förderung virtueller Mobilität durch die Nutzung freier Bildungsangebote in Form von OER (wobei sie sich vor allem auf MOOC bezieht) und konstatiert auch hier vergleichbare Schwierigkeiten (sozialkulturelle und politische Hürden sowie Probleme der Standardisierung). Sie weist zudem auf die im Zusammenhang mit MOOC häufig konstatierten hohen Abbruchquoten hin. Aus ihrer Sicht kann aber erst dann von einer Erhöhung der virtuellen Mobilität gesprochen werden, wenn virtuelle Lehrveranstaltungen erfolgreich abgeschlossen werden (vgl. ebd.: 106).

8 Leave a comment on Absatz 8 0 In der Diskussion um die Nutzung der digitalen Medien zum Zweck der Internationalisierung von Hochschulen wird viel im Großen gedacht und diskutiert. Zu wenig Beachtung finden niedrigschwellige Möglichkeiten, für die viele der oben genannten Hindernisse nicht gelten, die aber trotzdem die virtuelle Mobilität von Studierenden und Lehrenden fördern und deshalb bei einer ‚Internationalisierung 2.0‘ mitgedacht werden könnten und sollten.

2 Transnationale kooperative Blended-Learning-Seminare

9 Leave a comment on Absatz 9 0 Zu diesen niedrigschwelligen Angeboten gehören transnational ausgebrachte Seminare im Modus des Blended Learning (BL), in denen Dozierende und Studierende aus unterschiedlichen Ländern während eines ganzen Semesters oder während einer begrenzten Phase des Semesters mit Hilfe digitaler Medien zusammenarbeiten. Die Vorteile scheinen auf der Hand zu liegen: Der Regelungsbedarf ist geringer, die Einbettung in die Studieninhalte ist gewährleistet, Abbrüche sind sehr viel unwahrscheinlicher. Trotzdem findet eine flächendeckende Nutzung dieser Möglichkeit zur Förderung der virtuellen Mobilität offensichtlich kaum statt. Dies mag u.a. auch mit der unbefriedigenden Forschungslage zusammenhängen, die dazu führt, dass fächerübergreifende (generelle und fachspezifische) Vorteile nicht erkannt und Lösungen für (generelle und fachspezifische) Herausforderungen noch nicht formuliert werden können.

10 Leave a comment on Absatz 10 0 Unbefriedigend ist die Forschungslage, weil für viele Fächer Ergebnisse nur in geringem Umfang vorliegen; Ergebnisse aus anderen Bereichen (z.B. zum BL oder zum computergestützten kooperativen Lernen) sind wiederum nur in Teilen übertragbar, da hier noch zu wenig zu transkulturellen Kontexten geforscht worden ist.

11 Leave a comment on Absatz 11 0 Zudem gibt es zwar ein Fach, in dem schon eine solide Datengrundlage vorliegt; die Ergebnisse werden aber über die Fachgrenzen hinweg nur unzureichend wahr-genommen und haben offensichtlich wenig Einfluss auf die Internationalisierungsbestrebungen von Hochschulen. Es handelt sich um die Fremdsprachenphilologien bzw. dort um den Bereich der Ausbildung von Fremdsprachenlehrenden. Die Nutzung digitaler Medien hat hier zum Herstellen von Kontakten zum Zielsprachenland in Form von Telekollaborationsprojekten in der universitären Ausbildung von Fremdsprachenlehrenden eine lange Tradition. Häufig standen und stehen in der sogenannten Telekollaborationsforschung das sprachliche und das interkulturelle Lernen im Vordergrund (vgl. O’Dowd & Ritter 2006). Es finden sich aber auch spezifischere Ergebnisse zur Förderung der Autonomie und der Medienkompetenz der Studierenden (vgl. Fuchs, Hauck & Müller-Hartmann 2012), zu möglichen methodischen Ansätzen für solche Seminare (wie z.B. der Aufgabenorientierung) und zur Gestaltung von sinnvollen Aufgaben (vgl. O’Dowd 2016), zur Rolle des Lehrenden (vgl. u.a. Chun 2015) und zur Einflussnahme der verschiedenen digitalen Werkzeuge (vgl. Malinowski & Kramsch 2014). In einigen wenigen Studien geht es ferner um den Gewinn solcher transnationalen Seminare für die nachhaltige Vermittlung von fachlichen und fachdidaktischen Inhalten (vgl. Kleban & Bueno-Alastuey 2015). Dabei kommt der kooperativen Zusammenarbeit eine entscheidende Rolle zu. Deshalb wurde dieser Aspekt auch als ein Fokus im Rahmen einer Grounded-Theory-Studie gewählt (vgl. Würffel 2011).

3     Ergebnisse einer GT-Studie zu transnationalen BL-Seminaren in der Ausbildung von DaF-Lehrenden

12 Leave a comment on Absatz 12 0 Es wurde u.a. eine Seminarphase untersucht, in der angehende DaF-Lehrende aus Heidelberg und aus Madrid im BL-Modus an fachdidaktischen Themen zusammen arbeiteten. Die sechswöchige Seminarphase umfasste erste synchrone Präsenztreffen der lokalen Partner, eine gemeinsame Online-Phase sowie ein zweites synchrones Treffen der gesamten Gruppe (lokal in Präsenz, transnational virtuell). Das genutzte Lernmaterial (vgl. Würffel 2011) machte mehrfach kooperatives Aufgaben-bearbeiten notwendig. In der GT-Studie wurde u.a. untersucht, wie die Studierenden die Möglichkeiten und Herausforderungen der virtuellen Mobilität in Bezug auf die kooperative Arbeit im Seminar wahrnahmen. Insgesamt wurden die kooperativen Lernphasen mit den lokalen wie auch den transnationalen Mitstudierenden positiv bewertet. Drei Charakteristika der virtuellen Zusammenarbeit waren den Studierenden besonders wichtig: die Möglichkeit zum asynchronen Arbeiten und damit zum zeit- und ortsunabhängigen Lernen, die Möglichkeit zur Dokumentation aller Lernprozesse und die besondere Form der digital vermittelten Kommunikation (mit der sie u.a. charakterisierenden Kanalreduktion). Darüber hinaus benannten fast alle die Ausweitung der Multiperspektivität als einen großen Vorteil ihrer virtuellen Mobilität im Seminar. Diese Ergebnisse erscheinen prinzipiell nicht überraschend, da vor allem die ersten drei Charakteristika in zahlreichen Studien im Bereich der Forschung zum Online-Lernen generell oder zum computergestützten kooperativen Lernen speziell als Vorteile genannt werden. Bemerkenswert ist aber, wie ambivalent die Haltung der Lernenden zu den genannten Charakteristika mit Bezug zum kooperativen Lernen zum Teil war. So zeigten sich bei den Studierenden große Unterschiede in der Einschätzung der Vor- und Nachteile der asynchronen Phasen für das kooperative Arbeiten: Während einige in den offeneren Zeitfenstern der asynchronen Phasen eine Möglichkeit zur Qualitätssteigerung der hergestellten Produkte sahen, empfanden andere die synchronen Gruppenarbeitsphasen mit ihren deutlichen (und engen) Zeitvorgaben als vorteilhafter. Unterschiedlich bewertet wurden auch die Dokumentationsmöglichkeiten durch die digitalen Medien: Einige empfanden den sozialen Druck beim kooperativen Arbeiten durch die Dokumentationsmöglichkeiten in den Online-Phasen als höher, für andere stellte sich die Verbindlichkeit und der soziale Druck in der direkteren Interaktion in der synchronen Phase als bedeutender dar. Die sehr unterschiedlichen Einschätzungen der Befragten machen deutlich, wie differenziert auch niedrigschwellige Angebote zur Förderung der virtuellen Mobilität geplant werden müssen, damit Lernende mit unterschiedlichen Lerngewohnheiten sich effektiv einbringen und von diesen maximal profitieren können. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass die Potenziale des Zusammenbringens und der Nutzung multipler Perspektiven in transnationalen Seminaren verlässlicher genutzt werden können. Die Zusammenarbeit mit einer Seminargruppe in einem anderen Land lenkt die Aufmerksamkeit der Studierenden offensichtlich besonders auf diese Aspekte des kooperativen Arbeitens. Die Perspektiven, die die Studierenden, die in einem anderen Land leben, in die Gruppenarbeit einbringen, werden bewusster wahrgenommen; eine Nutzung dieser unterschiedlichen Perspektiven für die Ko-Konstruktion von Wissen erscheint damit zumindest wahrscheinlicher. Hier ist aber dringend weitere Forschung nötig.

14 Leave a comment on Absatz 14 0 Chun, D. M. (2015). Language and culture learning in higher education via telecollaboration. Pedagogies : An International Journal, 10, 1, 1-17.

15 Leave a comment on Absatz 15 0 Fuchs, C., Hauck, M. & Müller-Hartmann, A. (2012). Promoting Learner Autonomy Through Multiliteracy Skills Development in Cross-institutional Exchanges. Language Learning & Technology, 16, 3, 82-102. http://llt.msu.edu/issues/october2012/fuchsetal.pdf (28.02.2016).

16 Leave a comment on Absatz 16 0 Kleban, M. & Bueno-Alastuey, M.C. (2015). Creating Pedagogical Knowledge Through Electronic Materials in a Telecollaboration Project for Pre-Service Teacher Trainees. In A.M. Gimeno Sanz; M. Levy; F. Blin, & D. Barr (Hrsg.). WorldCALL: Sustainability and Computer-Assisted Language Learning (S. 39-52). London u.a.: Bloomsbury Academic.

17 Leave a comment on Absatz 17 0 Malinowski, D. and Kramsch, C. (2014). ‘The Ambiguous World of Heteroglossic Computer-Mediated Language Learning’. In A. Blackledge & A. Creese (Hrsg.). Heteroglossia as Practice and Pedagogy (S. 155-178). Dordrecht: Springer.

18 Leave a comment on Absatz 18 0 O’Dowd, R. (erscheint 2016). Learning from the Past and Looking to the Future of Online Intercultural Exchange. In R. O’Dowd & T. Lewis (Hrsg.). Online Intercultural Exchange: Policy, Pedagogy, Practice. Routledge: London.

19 Leave a comment on Absatz 19 0 O’Dowd, R. & Ritter, M. (2006).Understanding and Working with ‘Failed Communication’in Telecollaborative Exchanges. CALICO Journal, 23, 3, 1-20.

20 Leave a comment on Absatz 20 0 Pietraß, M. (2014). Können digitale Bildungsangebote die Internationalität von Universitäten erhöhen? In: DAAD (Hrsg.). Die Internationalisierung der deutschen Hochschule im Zeichen virtueller Lehr- und Lernszenarien (S. 102-115). Bielefeld: Bertelsmann.

21 Leave a comment on Absatz 21 0 Seifer, K. (2006). Virtuelle Mobilität im Hochschulbereich: Beispiele von Fernstudium und virtuellen Universitäten. Tertium Comparationis. Journal für international und interkulturell vergleichende Erziehungswissenschaft, 12, 2, 233–251.

22 Leave a comment on Absatz 22 0 Würffel, N. (2011). Blended Learning als Lern- und Lehrform an deutschen Hochschulen. Ergebnisse einer Implementierung von Schule im Wandel in der Ausbildung angehender DaF-Lehrender. In N. Würffel & A. Padrós (Hrgs.). Fremdsprachenlehrende aus- und fortbilden im Blended-Learning-Modus. Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Comenius-Projekt „Schule im Wandel (S. 132-156). Tübingen: Narr.

23 Leave a comment on Absatz 23 0 Zawacki-Richert, O. & Bedenlier, S. (2015). Zur Rolle und Bedeutung von digitalen Medien in Internationalisierungsstrategien deutscher Hochschulen. Hochschulforum Digitalisierung, Arbeitspapier Nr. 12. Essen: Edition Stifterverband.

Quelle:http://2016.gmw-online.de/309/