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Digitale Transformation: Vom Blended Learning zum digitalisierten Leistungsprozess ‚Lehren und Lernen‘

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Zusammenfassung

1 Leave a comment on Absatz 1 0 Dieser Beitrag fokussiert das Thema ‚digitale Transformation‘ im Hinblick auf den Kernprozess ‚Lehren und Lernen‘ in Bildungsorganisationen. In dem Masse, in dem Lehr-/Lernaktivitäten auch in Präsenzphasen durch digitale Materialien und Werkzeuge unterstützt werden, rückt die Frage, was online bzw. ausserhalb des physischen Kursraums passiert und was im physischen Kursraum in den Hintergrund. In den Vordergrund rückt das Orchestrieren von verschiedenen Lehr-/Lernaktivitäten und deren Unterstützung durch digitale Werkzeuge, Materialien und Systeme. Im Beitrag wird aufgezeigt, welche Werkzeuge und Lernmedien bei der Unterstützung der einzelnen Schritte relevant und bereits verfügbar sind.

1     Einleitung

2 Leave a comment on Absatz 2 0 Das Thema ‚digitale Transformation‘ wirkt auch in Bildungsorganisationen hinein. Zum einen über die Frage, welche Kompetenzen in einer digitalisierten (Wirtschafts-)Welt erforderlich sind. Zum anderen über die Frage, wie Bildungsverantwortliche die Bewältigung der digitalen Transformation unterstützen können. Wir gehen von der These aus, dass Bildungsorganisationen diese Transformation nur dann wirkungsvoll unterstützen können, wenn sie selbst die eigene digitale Transformation erleben und vorantreiben (Schuchmann / Seufert 2015). Wir führen aus, was digitale Transformation für Bildungsorganisationen beinhaltet und inwiefern sich diese von der Einführung von E-Learning / Blended Learning unterscheidet. Der Fokus liegt dabei auf dem Leistungsprozess ‚Lehren und Lernen‘ (vgl. ergänzend zu diesem Beitrag Seufert / Meier 2016).

2     Lehren & Lernen in einer digitalisierten Welt

3 Leave a comment on Absatz 3 1 Aus der Sicht von Kerres (Kerres, 2016, S. 4) ist die Rede von der „Digitalisierung der Bildung“ eine Kurzformel für weitergehende Transformationsprozesse in der Bildungsarbeit. Im Unterschied zu E-Learning (verstanden als das Lehren und Lernen mit digitalen Medien) versteht Kerres „Digitalisierung von Bildung“ als eine Transformation, die den gesamten Prozess der Wissenserschliessung und –kommunikation betrifft. Dieser Prozess beinhaltet auch vor- und nachgelagerte Aktivitäten wie etwa die Studienberatung, das Anmelden für sowie Buchen und Bezahlen von Bildungsdienstleistungen, digitalisierte Prüfungsprozesse (eAssessment) und schliesslich online Communities und Netzwerke wie sie beispielsweise für die Alumni-Arbeit von Bedeutung geworden sind.

4 Leave a comment on Absatz 4 0 In der Praxis wird häufig davon ausgegangen, dass digitale Medien primär in den Online-Phasen (z.B. vorbereitendes Selbststudium) sinnvoll zum Einsatz kommen, nicht aber in Präsenzphasen. Lernende und Lehrpersonen sind aber zunehmend immer und überall mit mobilen Endgeräten online – auch im physischen Kursraum. Damit rückt die Frage, über welche Abfolge von Online- und Präsenzphasen ein Lerndesign realisiert wird und was Online (sprich: ausserhalb des physischen Kursraums) passiert und was in Ko-Präsenz (sprich: im physischen Kursraum) in den Hintergrund. Im Vordergrund steht dann das Orchestrieren von verschiedenen Lehr-/Lernaktivitäten, dazugehörigen digitalen Werkzeugen und Materialien sowie Lernunterstützungssystemen (digitalisierte Lernarchitektur, vgl. Abbildung 1).

5 Leave a comment on Absatz 5 0 Ein Lehr-/Lernprozess kann verallgemeinernd wie in Abbildung 1 („Lehr-/Lernaktivitäten“) dargestellt werden (vgl. Euler & Hahn, 2014, S. 317ff.). Neben dem Verfügbar-Machen von Lernmaterialien erfolgt zu Beginn in der Regel eine erste Orientierung zu Inhalten und geplantem Ablauf. Eine individuelle Standortbestimmung im Hinblick auf die Inhalte und angestrebten Lernziele ermöglicht eine Personalisierung des Standard-Lernwegs in Richtung individualisierter Lernpfade – etwa, wenn deutlich wird, dass Vorwissen vorhanden ist und bestimmte Grundlagen nicht mehr bearbeitet werden müssen. In der Folge sind verschiedene weitere Aktivitäten möglich: das Darbieten bzw. das Aufnehmen von Inhalten; das Entwickeln bzw. Erarbeiten von Inhalten; das Anwenden und Üben von Methoden und Lösungsstrategien; das Austauschen von und Diskutieren über erarbeitete Lösungen und Ergebnisse. Die Abfolge dieser Aktivitäten kann variabel gestaltet werden. Elemente wie eine neuerliche Standortbestimmung sowie ggf. das Dokumentieren und Reflektieren sind sinnvoll am Ende des Lernprozesses platziert.

6 Leave a comment on Absatz 6 0 Für eine zielorientierte Umsetzung dieser Lehr-/Lernaktivitäten können verschiedene digitale Medien unterstützend eingesetzt werden. So können allgemeine Lernwege (und individualisierte Lernpfade) in einem LMS abgebildet und Lernmaterialien dort verfügbar gemacht werden. Die Orientierung zu Inhalten und Ablauf kann auf der Grundlage eines digitalen Advance Organizers, einer digitalen Infografik oder eines Kurzvideos erfolgen.

8 Leave a comment on Absatz 8 0 Abb. 1: Digitalisierte Lernarchitektur (Quelle: eigene Darstellung)

9 Leave a comment on Absatz 9 0 Elektronische Standortbestimmungen (eTests) können die Lernenden für den Lernprozess motivieren und ihnen aufzeigen, wo sie an schon vorhandene Grundlagen anknüpfen können und wo sie Lücken haben. Über virtuelle Pinnwände oder Abstimmungssysteme können Fragen, Anliegen und Befindlichkeiten von Lernenden abgeholt werden. Darüber hinaus können solche Systeme auch für die Umsetzung von Classrooms Assessments genutzt werden. Über WBT und Lernvideos können Inhalte dargeboten werden – sowohl in Selbststudiumsphasen als auch in Präsenzphasen. Das Entwickeln bzw. Erarbeiten von Inhalten kann durch eBooks ebenso unterstützt werden wie durch kuratierte Sammlungen von Inhalten aus dem WWW, durch persönliche digitale Notizbücher und Lernjournale sowie durch Wikis bzw. online verfügbare Office-Dokumente. Letztere können auch für die Dokumentation von Arbeiten in Präsenzphasen genutzt werden.

10 Leave a comment on Absatz 10 0 Digitale Arbeitsblätter und Arbeitshilfen vermeiden Medienbrüche indem sie von den Lernenden unmittelbar in das eigene digitale Ablagesystem integriert und dann später bzw. am Arbeitsplatz angepasst oder weiterverwendet werden können. Über geeignete Applikationen können (selbst erstellte) Videomaterialien zu komplexen Verrichtungen (z.B. Beratungsgespräche, Vorträge, Moderationen) gemeinsam in der (räumlich verteilten) Lerngruppe detailliert betrachtet, annotiert und diskutiert werden (Social Video Learning). Der Austausch zu und die Diskussion von Themen oder Arbeitsergebnissen (Einzelergebnisse oder Gruppenergebnisse) kann durch online Foren bzw. online Conferencing (virtuelles Klassenzimmer) auch zwischen Sitzungen unterstützt werden. Zudem können so auch externe Experten für kurze Impulse im Rahmen von Präsenzsitzungen hinzugezogen werden.

11 Leave a comment on Absatz 11 0 Für die Dokumentation von und Reflexion zu individuellen Lern- und Entwicklungsprozessen können Weblogs oder ePortfolio-Systeme herangezogen werden. Diese erlauben bei Bedarf die selektive Freigabe von ausgewählten Dokumenten oder Reflexionstexten, beispielsweise im Rahmen von (Peer-)Feedback-Prozessen. (Peer-)Feedback-Systeme und eTests können dann am Ende des Lehr-/Lernprozesses für neuerliche Standortbestimmungen (gegebenenfalls mit Blick auf bevorstehende Prüfungen) eingesetzt werden.

12 Leave a comment on Absatz 12 0 Abbildung 1 impliziert nicht, dass die angeführten Aktivitäten und Medien nur an einem bestimmten Punkt im Gesamtprozess sinnvoll sind. Viele der genannten Aktivitäten und Werkzeuge / Medien können sinnvoll an verschiedenen Punkten im Lehr-/Lernprozess eingesetzt werden. Darüber hinaus gilt, dass der Einsatz digitaler Medien zur Unterstützung von Lehr-/Lernprozessen kein Selbstzweck ist. Leitlinie für ihren Einsatz ist der durch sie erbrachte Nutzen (z.B. im Hinblick auf kostengünstige Distribution, schnelle Aktualisierung, einfaches Teilen mit anderen, anschauliche Darstellung, etc.). Der sinnvolle Einsatz von Lehr-/Lernmedien ergibt sich aus der Schrittfolge: didaktische Ziele –> geeignete Methoden zur Umsetzung –> erforderliche Meiden und Materialien (Reinmann, 2005)

13 Leave a comment on Absatz 13 0 Digitale Medien spielen nun aber nicht nur bei der Gestaltung des Lehr-/Lernprozesses eine Rolle, sondern auch bei dessen Unterstützung. Ein übergreifender Trend ist, dass Lernende mehr Verantwortung im Lehr-/Lernprozess übernehmen sollen. Entsprechend wird die Bedeutung von Selbstorganisation, Selbststeuerung und Selbstbestimmung herausgestellt (vgl. Zürcher, 2007, S. 36). Um die Lernenden hierbei zu unterstützen, werden technische Systeme entwickelt und eingesetzt, die Fokussierung, Zeitmanagement, Selbstverpflichtung, etc. erleichtern (Schulmeister, 2015, S. 48f.). In die gleiche Richtung wirken auch Bemühungen um das Gamifizieren von Lehr-/Lernprozessen (Kapp, 2012).

14 Leave a comment on Absatz 14 0 Durch den zunehmenden Einsatz von digitalen Medien entstehen immer mehr digitale Datenspuren der Lernenden. Systeme, die diese Datenspuren analysieren, können die Lernbegleitung ebenso wie die Selbststeuerung von Lernenden unterstützen, etwa durch Cockpits für Lehrpersonen oder Lernende (vgl. Siemens u. a., 2011). Darüber hinaus gibt es Systeme, die Erinnerungsfunktionen oder sogar das Blockieren von nicht studienrelevanten Webseiten unterstützen (Patterson, 2015, S. 13f.). Neben solchen eher hochschulspezifischen Applikationen gibt es auch öffentlich verfügbare Webservices, die die Nutzer dabei unterstützen, eigene Ziele zu formulieren, sich darauf zu verpflichten und Unterstützung aus dem eigenen sozialen Netzwerk beizuziehen (z.B. https://www.stickk.com/).

16 Leave a comment on Absatz 16 0 Euler, D., & Hahn, A. (2014). Wirtschaftsdidaktik (3., aktualisierte Auflage). Bern: Haupt.

17 Leave a comment on Absatz 17 0 Kapp, K. (2012). The Gamification of Learning and Instruction: Game-based Methods and Strategies for Training and Education (1 edition). San Francisco, CA: Pfeiffer.

18 Leave a comment on Absatz 18 0 Kerres, M. (2016). Beitrag 2.22: E-Learning vs. Digitalisierung der Bildung? Neues Label oder neues Paradigma? In K. Wilbers (Hrsg.), Handbuch E-Learning. Expertenwissen aus Wissenschaft und Praxis, 61. Ergänzungslieferung, Januar 2016. Köln: Wolters Kluwer / Deutscher Wirtschaftsdienst.

19 Leave a comment on Absatz 19 0 Patterson, R. W. (2015). Can behavioral tools improve online student outcomes? Experimental evidence from a massive open online course (Report). Cornell University, Department of Policy Analysis and Management.

20 Leave a comment on Absatz 20 0 Reinmann, G. (2005). Blended Learning in der Lehrerbildung: Grundlagen für die Konzeption innovativer Lernumgebungen. Lengerich: Dustri.

21 Leave a comment on Absatz 21 0 Schuchmann, D., & Seufert, S. (2015). Corporate Learning in Times of Digital Transformation: A Conceptual Framework and Service Portfolio for the Learning Function in Banking Organisations. International Journal of Advanced Corporate Learning (iJAC), 8(1), 31–39.

22 Leave a comment on Absatz 22 0 Schulmeister, R. (2015). Abwesenheit von Lehrveranstaltungen. Ein nur scheinbar triviales Problem. Hamburg. https://www.campus-innovation.de/fileadmin/dokumente/Schulmeister_Anwesenheit__Abwesenheit__2_.pdf

23 Leave a comment on Absatz 23 0 Seufert, S. & Meier, C. (2016). From eLearning to Digital Transformation: A Framework and Implications for L&D. Paper presented at ICELW 2016, June 15-17, New York.

24 Leave a comment on Absatz 24 0 Siemens, G., et al. (2011, Juli 28). Open Learning Analytics: an integrated & modularized platform. http://solaresearch.org/OpenLearningAnalytics.pdf

25 Leave a comment on Absatz 25 0 Zürcher, R. (2007). Informelles Lernen und der Erwerb von Kompetenzen. Theoretische, didaktische und politische Aspekte. Wien: Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur.

Quelle:http://2016.gmw-online.de/299/