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Reflexionen über die Bedeutung des Offline-Bereiches für die Bildung am Beispiel derInformationsentwicklung

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1 Leave a comment on Absatz 1 0 Neu aufkommende digitale Kommunikationskanäle fordern Lehrende und Lernende gleichermaßen. Es ist nicht nur die unüberschaubare Informationsmenge, die uns immer wieder vor Herausforderungen stellt, sondern auch die stete Zunahme der Kommunikationsgeschwindigkeit. Wichtiger denn je ist dabei die Vermittlung von Medienkompetenz, die noch vor dem Eintritt in die digitale Welt erfolgen muss. Dem Offline-Bereich kommt somit gerade in der digitalen Evolution eine herausragende Bedeutung zu. Dieses Paper versteht sich als Plädoyer für die Offline-Kommunikation, zeigt Handlungsfelder auf und betont die Bedeutung eines frühzeitigen, analogen Wissenstransfers im Zeitalter der digitalen Kommunikation.

1     Beschleunigung von Kommunikation

2 Leave a comment on Absatz 2 0 Drei Formen von Kommunikationsbeschleunigung – alle mit direkten Auswirkungen auf unsere Kommunikationsprozesse – können unterschieden werden: technische Beschleunigung, Beschleunigung des sozialen Wandels und die allgemeine Beschleunigung des Lebenstempos (Rosa 2013, S. 20ff). Eine Email ist schneller geschrieben als ein Brief und noch viel schneller abgesandt und zugestellt. Dennoch ergibt sich für uns daraus meist ein negatives Zeitkonto, sprich wir haben keine Zeit gewonnen, sondern verloren, da wir im Gegensatz dazu empfangene Emails wieder abarbeiten müssen. Rosa bringt es auf den Punkt: „Wachstumsraten sind höher als Beschleunigungsraten, und aus diesem Grund wird Zeit trotz technischer Beschleunigung immer knapper.“ (Rosa 2013, S. 32f.)  Ähnliche Logik gilt für Smartphones und ähnliches. Whatsapp, Emails, Facebook und Co. tragen zur steten Beschleunigung unserer Kommunikationsaktivitäten bei.

3 Leave a comment on Absatz 3 0 Unsere Kommunikation hat sich durch die Digitalisierung verändert und wird sich weiter verändern. Nach Niklas Luhmann (1991) muss jede Kommunikation an weitere Kommunikationen anschließen. Diese Logik ist übertragbar für Medien, woraus sich folgender Schluss ergibt: Je mehr Medien entstehen, umso schneller entstehen noch mehr Medien (Merten 1994, S.153). In anderen Worten: Kommunikation produziert sich selbst. Und je mehr Kommunikation (oder eben auch Medien) existieren, desto schneller reproduziert sich noch mehr Kommunikation.

2     Wachstum von Information

4 Leave a comment on Absatz 4 0 Beschleunigung von Kommunikation führt zu Wachstum von Kommunikation. Seien es gedruckte Bücher oder digitale Daten, Social Media Kanäle oder SMS Nachrichten – Kommunikation wächst durch die stete Zunahme der Kommunikationsmedien. Das Phänomen ist nicht ganz neu, erklärt Medienhistoriker James Gleick: „Vor vierhundert Jahren beklagte Gottfried Wilhelm Leibniz die Überforderung durch die zeitgenössische Informationsflut durch den Buchdruck, weil es auf einmal „zu viele Bücher“ gab.“ (Becker 2011).

5 Leave a comment on Absatz 5 0 Informationsverbreitung war immer geprägt von Produktions- und Kapazitätsengpässen. Digitalisierung und Internet entziehen sich erstmals dieser historisch gewachsenen Schranke. Die Kapazitäten sind heute so groß, dass der Mensch keinen Engpass in der Informationsverbreitung spürt, ganz im Gegenteil. Die heutige Gesellschaft wird mit Informationen geflutet. „Charakteristisch für die Informationsgesellschaft ist nun aber gerade nicht, dass Information einen besonderen Wert annähme. Charakteristisch ist vielmehr deren nicht mehr zu bewältigende Flut. Zum Engpass wird die Kapazität zur Verarbeitung der Reize beziehungsweise der Signale.“ (Franck 1999, S. 21). Zusätzlich verdichtet sich Kommunikation. Bisher technologiefreie, kommunikationsfreie Sphären füllen sich heute mit Kommunikation. Pausen, Wartezeiten, Busfahrten – Situationen, die in der Vergangenheit für Kommunikation weitgehend ungenutzt blieben, „einem selbst überlassen waren“, werden heute dazu genutzt Whatsapp- oder SMS-Nachrichten zu versenden, Facebook-Einträge zu prüfen oder Fotos auf Instagram zu laden (vgl. Döbler 2014).

3     Digitale Vorbildung im analogen Raum

6 Leave a comment on Absatz 6 0 Die zunehmende Geschwindigkeit und Menge von Information und die damit einhergehende Verdichtung der Kommunikation stellen die Gesellschaft und somit auch das Bildungswesen vor neue Herausforderungen. Die Digitalisierung im Bildungsbereich wird auch die Bildungsstrukturen verändern und das Monopol der institutionalisierten Bildung beenden (vgl. Dräger & Müller-Eiselt 2015, S.128f.). Individuell zugeschnittene, zeitlich und räumlich weitgehend unabhängige Online-Bildungsangebote brechen das bislang starre Bildungskonstrukt auf. Durch die Digitalisierung wird aber nicht nur der Bildungsbereich verändert, die Gesellschaft als Ganzes verändert sich. „(Das Internet) fördert den antiinstitutionellen Impuls der Menschen. Das Antielitäre. Das Autonome.“ (Brauck 2016, S.63). Somit scheint es nicht verwunderlich, wenn Didaktik-Experten heute den klassisch Lehrenden in der neuen, kooperativen Rolle des Lernbegleiters sehen. Dieser ist auch dringend notwendig, in einer Zeit in der die Nutzer durch die Informationsmenge und Kommunikationsgeschwindigkeit zunehmend an ihre Grenzen stoßen. „Wer jederzeit alles Wissen kann, der verliert irgendwann die Übersicht. (…) Je mehr die Menschen zu wissen glauben, desto weniger können sie damit umgehen. Einerseits glauben sie niemanden mehr, andererseits glauben sie oft fanatisch das Falsche. Das ist das Paradox des digitalen Zeitalters.“ (Buse 2016, S. 63f.).

7 Leave a comment on Absatz 7 0 Das digitale Zeitalter macht Bildung in Medienkompetenz unabkömmlich. Fragen zu Verantwortung, Moral und Ethik stehen dabei im Mittelpunkt. Medienkompetenzbildung muss der digitalen Welt vorauseilen und diese später ergänzen, begleiten und – gegebenenfalls – ihr auch Grenzen setzen. Die Basis dafür wird in der analogen Welt gelegt.

8 Leave a comment on Absatz 8 0 Somit sollte Medienkompetenz elementarer Bestandteil von Erziehung und Bildung sein. Dies ist eine bekannte Forderung, die jedoch nach wie vor viel zu selten in der Praxis umgesetzt wird (vgl. Ashley 2015, S.171). Ein Grund dafür ist, dass Eltern und Lehrer der Geschwindigkeit der digitalen Welt immer weniger folgen können (Radovanovic et al 2015, S.1746). Studien belegen zudem, dass die Motivation der Studierenden beim Thema Nutzung von neuen Technologien und Internetdiensten im Vergleich zu Professoren deutlich höher ist (Boyd, 2014; Eynon 2010). Es bleibt somit die Frage, wie das Lehrpersonal diesen Wissens- und Motivationsrückstand aufholen kann? Wie das Lehrpersonal kompetente Lernbegleiter werden können? Zudem sind viele der aktuellen Themen, bei denen das Lehrpersonal gefordert ist, höchst komplex. Internetrecht, Datenschutz, Big Data oder Privatsphäre stellen sogar Fachexperten regelmäßig vor neue Herausforderungen.

9 Leave a comment on Absatz 9 0 Basiswissen über diese wichtigen Themenbereiche ist aber gerade vor dem Eintritt in die digitale Welt unabdingbar. So plädiert der Sozialpsychologe Harald Welzer: „Gegen die smarte Diktatur, die digitale Entlebendigung, muss man das analoge Leben setzen.“ (2016, S. 129). Für den Bildungsbereich öffnet sich eine große Wirkstätte, geht es doch um kontinuierliches, lebenslanges Lernen. Medienkompetenz mit dem klaren Fokus auf Medienkritik und Mediennutzung darf nicht nur als eine Lehrveranstaltung oder Unterrichtsstunde geplant werden, sondern muss sich von frühster Kindheit bis zum Schul- und Studium-Abschluss im Curriculum durchziehen. Unentbehrlich dafür sind verpflichtende Weiterbildungskurse für das Lehrpersonal, um die Qualität und Aktualität der Lehre zu sichern. Auch Eltern haben in Sachen Medienkompetenz eine wichtige Funktion zu erfüllen, sind sie für die Erziehung ihrer Kinder hauptverantwortlich. Themen wie korrekte Umgangsformen sind in der Offline-Welt zu erlernen und in Zeiten des digitalen Trolltums gefragter denn je. Und auch bei Senioren kann der Bildungssektor einen wertvollen Beitrag zum kompetenten Vorwissen für den Umgang mit der digitalen Welt leisten.

10 Leave a comment on Absatz 10 0 Medienkompetente Nutzer können Informationsqualität beurteilen, erkennen die Unterschiede zwischen Nachricht und Meinung und setzen sich mit der Produktion von Inhalten auseinander. Native Advertising oder beispielsweise der Einsatz von Adblockern und die damit einhergehende zunehmende Unterwanderung von redaktionellen Inhalten durch werbliche Anzeigen wird es in Zukunft noch schwieriger machen zwischen Werbung und redaktioneller Nachricht im digitalen Raum zu unterscheiden. Es ist auch Aufgabe der Lehrenden dieses Wissen zu vermitteln. Ein Wissen, das sich letztlich auch auf die Qualität des Lernerfolges auswirken wird, da die Lernenden somit in der Lage sind, qualitativ geeignete Informationen zu verwenden.

11 Leave a comment on Absatz 11 0 Kritisches Hinterfragen von Texten und Artikeln zeichnet medienkompetente Nutzer aus. Ist das was wir im Internet sehen tatsächlich das was geschieht? Eli Pariser bezweifelt dies und spricht in dem Zusammenhang von einer „Filter Bubble“ (Pariser 2012). Die zunehmende Personalisierung des Internet führt dazu, dass wir bereits nach unseren Vorlieben gefilterte Informationen bekommen und damit im Netz immer mehr unsere eigenen Standpunkte wiederfinden. Wir befinden uns in unserer eigenen „Filter Blase“ und merken es nicht einmal. Die vermeintlich objektive Wirklichkeit verengt sich auf eine Gesinnungsrealität. Erkennbar wird dies aber erst in der analogen Welt. Ähnliches trifft auch auf Suchmaschinen zu: „Die Auswahl von Google beruht bekanntlich darauf, was alle anderen denken, was die große Masse wichtig findet. Die Suchergebnisse entsprechen in diesem Sinn Allerweltweisheiten. Für individuelle Fragen kann das natürlich ganz verkehrt sein.“ (Becker 2011). Über die Auswirkungen dieser Informationsselektion auf das Bildungsniveau unserer Gesellschaft darf bislang nur spekuliert werden. Hinzu kommt, dass Google heute nach wie vor überwiegend als nützliche Suchmaschine betrachtet wird und nicht als das was es ist: Ein milliardenschweres Unternehmen, das mit personalisierter Werbung hohe Profite erwirtschaftet (Stalder et al. 2011).

12 Leave a comment on Absatz 12 0 Fest steht, dass der Bildungsbereich das große Feld der Medienkompetenz bislang unzureichend bearbeitet und aufgenommen hat. Die Gefahren und Chancen der digitalen Welt sind zu oft unbekannt, konkrete Bildungsangebote sind aber nach wie vor Mangelware. Vielleicht hängt die Ursache auch damit zusammen, dass dieses Wissen oftmals ausschließlich für den privaten Bereich elementar und für eine berufliche Karriere nicht unbedingt Voraussetzung ist. Die kostenlose Google-Suche, das Gratis-Spiel nach erfolgter Registrierung, die Einladung dem Sozialen Netzwerk LinkedIn beizutreten oder das lustige Pinnen von Fotos bei Pinterest. Es wäre Aufgabe der zukünftigen Lernbegleiter Hintergründe zu liefern: „If you are not paying for the product, you are the product.“

Literatur

13 Leave a comment on Absatz 13 0 Ashley, S. (2015). Media Literacy in Action? What Are We Teaching in Introductory College Media Studies Courses? Journalism & Mass Communication Educator, 2015, Vol. 70(2), S. 161-173.

14 Leave a comment on Absatz 14 0 Becker, M. (2011). „Zum ersten Mal in der Geschichte prägen die Massen die Überlieferung.“ Interview James Gleick. Abgerufen am 25. Februar 2016, http://www.heise.de/tp/artikel/35/35888/1.html.

15 Leave a comment on Absatz 15 0 Boyd, D. (2014). It´s complicated: The Social Lives of Networked Teens. New Haven: Yale University Press.

16 Leave a comment on Absatz 16 0 Brauck, M. et al. (2016). Die Vertrauensfrage. Der Spiegel, 7/2016, S. 58-64.

17 Leave a comment on Absatz 17 0 Buse, U. (2016). Siri und der Sinn des Lebens. Spiegel Gespräch. Der Spiegel, 6/2016, S. 60-

19 Leave a comment on Absatz 19 0 Dräger, J. & Müller-Eiselt, F. (2015). Die digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können. München: DVA.

20 Leave a comment on Absatz 20 0 Döbler, T. (2014). Das Ende der Verbindlichkeit? Veränderungen sozialer Beziehungen durch mobiles Kommunikationsverhalten. In J. Wimmer & M. Hartmann (Hrsg.), Medienkommunikation in Bewegung (S. 139–154). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

21 Leave a comment on Absatz 21 0 Eynon, R. (2010). Supporting the „digital natives“: what ist he role of schools? Proceedings of the 7th international conference on networked learning, p. 851. http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2206931

22 Leave a comment on Absatz 22 0 Franck, G. (1999). Jenseits von Geld und Information. Zur Ökonomie der Aufmerksamkeit. K. Kirchhoff & M. Piwinger (Hrsg.), Die Praxis der Investor Relations. Neuwied: Luchterhand, S. 21-31.

23 Leave a comment on Absatz 23 0 Luhmann, N. (1991). Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. 4. Auflage. Frankfurt: Suhrkamp.

24 Leave a comment on Absatz 24 0 Merten, K. (1994). Evolution der Kommunikation. In K. Merten, S. J. Schmidt, & S. Weischenberg (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft (S. 141-162). Opladen: Westdeutscher Verlag.

25 Leave a comment on Absatz 25 0 Pariser, E. (2012). Filter Bubble. Wie wir im Internet entmündigt werden. München: Hanser Verlag.

26 Leave a comment on Absatz 26 0 Radovanovic, D.; Hogan, B.; Lalic, D. (2015). Overcoming digital divides in higher education: Digital literacy beyond Facebook. New Media & Society, 2015, Vol. 17(10), S. 1733-1749.

27 Leave a comment on Absatz 27 0 Rosa, H. (2013). Beschleunigung und Entfremdung. Berlin: Suhrkamp.

28 Leave a comment on Absatz 28 0 Stalder, F. & Mayer, C. (2011). Der zweite Index. Suchmaschinen, Personalisierung und Überwachung. In: Bundeszentrale für politische Bildung. Abgerufen am 28.2.2016. http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/politik-des-suchens/75895/der-zweite-index?p=all.

29 Leave a comment on Absatz 29 0 Welzer, H. (2016). Das Leben ist analog. Der Spiegel, 17/2016, S.128-129.

Quelle:http://2016.gmw-online.de/289/