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Partizipation bei Erweiterung und Gestaltung von Lernräumen

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1 Leave a comment on Absatz 1 0 Beim Projekt „FH Campus der Zukunft“ der FH St. Pölten geht es um die Planungen für einen nötigen Zubau sowie Weiterentwicklung bestehender und noch zu errichtender Arbeits- und Lernräumen, die auf einem partizipativen Planungsprozess basiert. Formen der Zusammenarbeit in Forschung, Lehre, sowie der Art und Weise, wie insgesamt an einer Fachhochschule kooperiert wird, sollen nicht den Zufall überlassen oder gar von „oben herab“ verordnet werden. Am Projekt sind alle relevanten Gruppen der FH St. Pölten involviert, von Beginn an wurden in verschiedenen Formaten Bedürfnisse und Ideen gesammelt bzw. weiter entwickelt

1     Einleitung

2 Leave a comment on Absatz 2 0 Im Mai 2015 wurde an der FH St. Pölten der Prozess „FH Campus der Zukunft“ gestaret. Schon jetzt nutzt die FH St. Pölten mehrere angemietete Räume. Aufgrund des weiteren Anstiegs der Zahl der Studierenden wird der Platzbedarf in den nächsten Jahren weiter steigen, daher wurde die Errichtung eines Zubaus beschlossen. Das Projekt „FH Campus der Zukunft“ richtet seinen Fokus auch auf die Weiterentwicklung bestehender Arbeits- und Lernräume in den nächsten drei Jahren.

1.1  „FH Campus der Zukunft” in Zahlen

3 Leave a comment on Absatz 3 0 Campusgebäude aktuell: ca. 14.400qm Netto- und ca. 18.400qm Bruttogrundfläche. Zusätzlich sind ca. 7.000m² Netto- bzw. ca. 10.000m² Bruttogrundfläche erforderlich, die ab Wintersemester 2020 zur Verfügung stehen sollen.

4 Leave a comment on Absatz 4 0 Aktuell halten sich an einem Tag etwa 1.000 Studierende gleichzeitig an der FH auf – diese Zahl wird in den nächsten Jahren durch Ausweitung des Studienangebots steigen. Künftig könnten etwa 1.500 Studierende gleichzeitig den Campus nutzen, davon min. 300 in Selbstlern- und Projektgruppenräumen. Weiters werden sich 350 haupt- und nebenberufliche Lehrende in den beiden Gebäuden befinden.

2     Lernräume und ihre Bedeutung für Didaktik

5 Leave a comment on Absatz 5 0 „Gerade Hochschulen sollten sich … der Frage stellen, wie ‚Raum für Bildung‘ aussieht und aussehen sollte…“ (Brandt & Bachmann, 2014, S. 15). Für Gestaltung und Gelingen von Lernprozessen spielen Lernräume eine wichtige Rolle, werden als „dritte Pädagogen“ gesehen. Bei der Planung von universitären Lernräumen sei, wie Brandt & Bachmann kritisieren, dies nur bedingt angekommen. „gemeinschaftliches, aktives Lernen – wie es in kompetenzorientierten Settings unvermeidlich ist – kann in klassischen universitären Lernräumen mit ihrer oft festen Bestuhlung und beschränkten Ausstattung nicht funktionieren.“ (Lüth & Salden, 2015, S. 200).

6 Leave a comment on Absatz 6 0 Die Entwicklung von Gebäuden im tertiären Bildungsbereich sei in einer vierten Phase: „Now is the era of expanded access to education, lifelong learning and pedagogical changes from a teaching-based culture to a student-centered learning environment for student ‘consumers’ who take a far more pro-active role in shaping their education than earlier generations” (AMA, 2007, S. 4). So werde u. a. stärker auf kleinstrukturierte Lernräume gesetzt, in denen intensiver Dialog und Kollaboration durch Raumkonzepte, Möbel, technische Möglichkeiten gezielt gefördert wird.

7 Leave a comment on Absatz 7 0 Der „Campus von morgen“ braucht also eine breitere Vielfalt an Lernräumen:

8 Leave a comment on Absatz 8 0 Lehrräume für die Durchführung und Organisation der Lehrveranstaltungen

9 Leave a comment on Absatz 9 0 Lernräume für selbstgesteuertes Lernen, allein oder in Gruppen

10 Leave a comment on Absatz 10 0 Zwischenräume für Erholung, Verpflegung, Austausch,

11 Leave a comment on Absatz 11 0 Prüfungsräume für die Durchführung der oft zeitgleichen Prüfungen,

12 Leave a comment on Absatz 12 0 Spielräume, für die Entwicklung und Umsetzung innovativer Lehr- und Lernformen.“ (vgl. Brandt & Bachmann, 2014, S. 16)

13 Leave a comment on Absatz 13 0 Räume an Hochschulen werden unterschiedlich genutzt. Auch von „Lernwanderern“ (Brandt & Bachmann, 2014), Personen die zwischen unterschiedlichen Räumen inner- und außerhalb der Universität wechseln, um alleine und gemeinsam zu lernen. Siân Bayne (2014) betont, dass Studierende die Universität als erweiterte Wohnung nutzen, dort u. a. auch Koch- und Rückzugsmöglichkeiten benötigen.

14 Leave a comment on Absatz 14 0 Boys (2010) merkt an, dass viele Universitäten inzwischen zu Lernräumen ganz andere Positionen hätten, sich viel in Bewegung befände. Gleichzeitig nimmt er großen Weiterentwicklungs- und Forschungsbedarf wahr, etwa an der Grenzlinie zwischen formalen und non-formalen Lernen und welche Rolle Räume hier spielen.

15 Leave a comment on Absatz 15 0 Wesentlicher Aspekt der Gestaltung von Lernräumen ist die Einbeziehung digitaler Technologien (vgl. Hochschulforum Digitalisierung, 2015): Nicht nur mobiles Lernens mit Smartphones und Tablets zum Lernen (vgl. de Witt, 2013), sondern auch die Interaktion von analog und digital bzw. den Nutzen hybrider Potentiale.

3     Vorgangsweise beim Projekt „FH Campus der Zukunft“

16 Leave a comment on Absatz 16 0 Für die Planungen an der FH St. Pölten wurde ein breiter Mix aus Beteiligungsformen gewählt. Etabliert wurde eine Arbeitsgruppe mit Hochschulmanagement sowie relevanter Bereiche der Disziplinen und Services der FH. Diese stellte Recherchen zum Themenfeld „Bildung und Architektur“ an bzw. zur Fragen, wie Lern- und Arbeitsräume in Hochschulen aussehen können, um aktuellen Trends wie Kooperation, Kollaboration, Partizipation und Student-centered Learning zu entsprechen. Neben Literaturrecherchen erfolgten auch Exkursionen und das Sammeln von Bildmaterialien. Die Arbeitsgruppe, deren Tätigkeit im März 2016 endete, bereitete die Beteiligungsformen vor, begleitete diese und fasste sie zusammen.

17 Leave a comment on Absatz 17 0 Für die Beteiligungsverfahren wurden bewusst unterschiedliche Methoden gewählt. Einige Formate waren allen Interessierten zugänglich, für andere wurden per Zufallsauswahl Teilnehmer*innen ausgewählt, dritte ergaben sich mit Blick auf abteilungsspezifische Interessen bzw. Anforderungen. Geplant wurde „laufend”, d.h. wiewohl es konzeptionelle Überlegungen zu Beteiligungsformaten gab, wurde deren Einsatz entsprechend dem laufenden Prozess und seiner Ergebnisse angepasst.

18 Leave a comment on Absatz 18 0 Auftakt bildete eine Zukunftswerkstatt (vgl. Jungk & Müllert, 1989) im Herbst 2015, die für den geplanten Zweck adaptiert wurde und an der über 80 Mitarbeiter*innen, sowie 2 Studierendenvertreter*innen teilnahmen. Danach wurden zwei Gruppendiskussionen im Format “Wisdom Council” (vgl. Rough 2002; Zubizarreta & Zur Bonsen, 2014) organisiert, mit Lehrenden und Studierenden. Teilnehmer*innen aus der Gruppe der haupt- und nebenberuflich Lehrenden, sowie der Studierenden wurden per Zufallsauswahl ausgewählt und eingeladen.

19 Leave a comment on Absatz 19 0 Weiters wurde eine „Wahrnehmungsgruppe“ etabliert, in der 10 Studierende aus verschiedenen Studienrichtungen im FH-Gebäude unterwegs waren. Eingesetzt wurden Werkzeuge der Sozialraumanalyse und mittels Stecknadelmethode zunächst Wahrnehmungen und Mankos gesammelt. Analysiert wurde dann, welche Räume es aktuell gibt, wie diese genutzt werden und welche Ideen für die (weitere) Nutzung gesammelt. Gemäß den Prinzipien wahrnehmender Beobachtung flossen auch eigene Eindrücke in ein kollaborativ bearbeitetes Dokument ein.

20 Leave a comment on Absatz 20 0 Abschließend wurden noch einmal die Ergebnisse der Stecknadelmethode herangezogen und um Eindrücke aus der bewussten Wahrnehmung ergänzt. Darauf baute ein Brainstorming in Bezug auf den „FH Campus der Zukunft“ auf.

21 Leave a comment on Absatz 21 0 Ein weiteres partizipatives Element waren Workshops für verschiedene Arbeitsbereiche und Services der FH St. Pölten. Gemeinsam wurden vorhandene Ideen, etwa aus Zukunftswerkstatt, Wisdom Council und Beobachtungsgruppe aufgenommen, strukturiert und darauf aufbauend konkretisierende Ideen und Anforderungen formuliert. Diese Workshops wurden in Piloträumen umgesetzt, die von der FH St. Pölten aufgrund der Platznot angemietet sind und aktuell vor allem dem Department Soziales Büro- und Seminarräume bieten. Diese Räume wurden im Rahmen eines Planungsworkshops von Lehrende und Mitarbeitenden der Sozialarbeit geplant, die gemeinsam entwickelten, wie Büros, Besprechungsräume und Seminarräume auf innovative Weise eingerichtet werden. So entstand u.a. ein „ruhiges Büro“, in dem hochkonzentriertes stilles Arbeiten, ohne Telefonate und Gespräche, im Fokus steht inkl. Nappingbereich mit bequemen Sitzmöbeln. Ein „kommunikatives Büro“ soll Arbeiten im Team erleichtern und bietet neben Schreibtischen Besprechungsmöglichkeiten mit Fauteuils. Die Besetzung der beiden Büroräume orientiert sich an den Prinzipien von Co-Working und Clean Desk, die Schreibtische werden flexible belegt, jeder Mitarbeiter*in steht ein versprerrbarer mobiler Trolley zur Ablage der persönlichen Unterlagen und des Notebooks zur Verfügung.
Von den neu eingerichteten Seminarräumen wurde einer mit leicht verstellbaren Tischen (Rollen an zwei der vier Beinen) gestaltet, einer mit „NodeStairs“ der Firma Steelcase, ebenso mit Rollen und kleine an den Stühlen angebrachte Tablare. Verschiedene Formen von Kleingruppenarbeiten sind so einfach realisierbar. Zusätzlich verfügt einer der Seminarräume über viele kleine mobile Whiteboards, die für die Präsentation von im Rahmen von Gruppenarbeiten entwickelten Ergebnisse genutzt werden können. Weiters unterstützen große Bildschirme, ein Visualizer, ein intelligenter Stift und ein SmartBoard zeitgemäße Lernarrangements. Ein dritter, kleinerer Raum wurde als KreativLab gestaltet. Bunte Sitzhockern und eine einfach umgestaltbare Tischlandschaft kombiniert mit Kreativmaterialien, großflächigen Whiteboard, Kreide-Tafel und Pinwände sorgen für eine anregende Atmosphäre.

22 Leave a comment on Absatz 22 0 Die derart neu ausgestatten Räume sind nicht nur ein ausgezeichnete geeignet, um über die weiter- bzw. Neuentwicklung von Lernräumen nachzudenken. Gleichzeitig wird hier im Echtzeitprinzip getestet, wie Student-Centered Teaching durch verschiedene Raumkonfigurationen und Ausstattung gefördert werden kann.

23 Leave a comment on Absatz 23 0 Derzeit werden für weitere, zusätzlich angemietete Räume, ähnliche bzw. weitere alternative Konzepte, z.B. mit Hochtischen und –stühlen und X-förmigen Lehr-/Lern-Arrangements umgesetzt. Zudem werden bestehende Seminarräume neu gestaltet. Die Erfahrungen fließen in das Projekt „FH Campus der Zukunft“ ein.

4     Erfahrungen & Ausblick

24 Leave a comment on Absatz 24 0 Das Projekt „FH Campus der Zukunft“ zeigt, wie wichtig partizipative Planungsprozesse sind, und welche Herausforderungen sie sich zu stellen haben. Immer wieder zu hören waren im Laufe des Prozesses Ängste, dass die Planung schon beschlossene Sache sei und Mitgestaltung eine Farce. Zudem gab es Befürchtungen, dass es einen großen Unterschied zwischen „altem FH Gebäude“ und neuem Zubau geben könnte. Deutlich fanden sich in den Rückmeldungen jedoch auch Hinweise darauf, dass die Vielzahl an Beteiligungsmöglichkeiten es als sehr positiv erachtet werde, genauso wie die Tatsache, dass auch weiterhin die bislang entwickelten Konzepte für weitere Rückmeldungen zur Verfügung gestellt werden. Herausfordernd bleibt wie Spannungsverhältnisse, die sich aus den Widersprüchlichkeiten rund um Bedürfnisse der Innovation und einer gewissen Beharrlichkeit bzw. Angst vor Veränderungen ergeben, aufgelöst bzw. produktiv genutzt werden können.

25 Leave a comment on Absatz 25 0 Aktuell werden Ergebnisse für den Weg in Richtung Einreichungsplan bzw. Ausschreibung verdichtet und diese für später planende Architekt*innen ‚übersetzt‘.

27 Leave a comment on Absatz 27 0 AMA Alexi Marmot Associates (2007). Spaces for learning – a review of learning spaces in further and higher education,

28 Leave a comment on Absatz 28 0 Bayne, S. (2014). Digital education and University space. Keynote gehalten auf der Konferenz der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft, 2014.

29 Leave a comment on Absatz 29 0 Brandt, S., & Bachmann, G. (2014). Auf dem Weg zum Campus von morgen. In Rummler K. (Hrsg.), Lernräume gestalten, Bildungskontexte vielfältig denken. (S. 15–28). Münster: Waxmann.

30 Leave a comment on Absatz 30 0 Boys, J. (2010). Towards Creative Learning Spaces: Re-thinking the Architecture of Post-Compulsory Education. Routledge.

31 Leave a comment on Absatz 31 0 Grünberger, N. (2014). Räume zum Flanieren, Spielen, Lernen. In: In Rummler K. (Hrsg.), Lernräume gestalten, Bildungskontexte vielfältig denken. (S. 56 ff.). Münster: Waxmann.

32 Leave a comment on Absatz 32 0 Hochschulforum Digitalisierung (Hg) (2015). 20 Thesen zur Digitalisierung der Hochschulbildung, Arbeitspapier Nr. 14,

33 Leave a comment on Absatz 33 0 Rough, Jim (2002). Society’s Breakthrough. Releasing Essential Wisdom and Virtue in All the People. Bloomington.

34 Leave a comment on Absatz 34 0 Jungk, R. & Müllert, N. R. (1989). Zukunftswerkstätten. Mit Phantasie gegen Routine und Resignation. München (Erstveröffentlichung 1981).

35 Leave a comment on Absatz 35 0 Lüth, T. & Salden, P. (2015). Räume für moderne Hochschullehre: Das Beispiel Scale-Up in: Kammasch, Gudrun & Dreher, Ralph (2015). Wie viel (Grundlagen-)Wissen braucht technische Bildung? Siegen 2015, S. 199-206.

36 Leave a comment on Absatz 36 0 Witt, C. de. (2013). Mobile Learning: Potenziale, Einsatzszenarien und Perspektiven des Lernens mit Mobilen Endgeräten. Wiesbaden: Springer VS.

37 Leave a comment on Absatz 37 0 Zubizarreta, R. & Zur Bonsen, M. (Hg.) (2014). Dynamic Facilitation. Erfolgreiche Moderationsmethode für schwierige und verfahrene Situationen, Weinheim und Basel: Beltz.

Quelle:http://2016.gmw-online.de/283/